Fachtagung

Das war’s ! Wir danken ganz herzlich unseren ReferentInnen und ModeratorInnen, unseren zahlreichen Gästen und natürlich allen Helfern und Helferinnen für die schöne Tagung! Wir sehen uns spätestens in zwei Jahren…

Das Buch zur Tagung erscheint voraussichtlich im Herbst 2017.

 

Traumatisierung und Verwahrlosung
Wie kann Psychoanalytische Sozialarbeit helfen?

18. Fachtagung
11. – 13. November 2016, Rottenburg

Aus verschiedenen Quellen gespeist taucht das Wort „Trauma“ heute bis in die Umgangssprache hinein immer häufiger auf. Gibt es Tendenzen einer Inflation des Traumabegriffs? Leben wir in einem Zeitalter der Traumata? Oder werden wir nur sensibler für ihre Wahrnehmung? Entstehen heute vielleicht mehr Traumata im Sinne nicht verarbeitbarer Inschriften in die Seele, weil die seelische Entwicklung des Menschen mit der Entwicklungsgeschwindigkeit des Kapitalismus und der Technik nicht mehr Schritt hält? Sind dadurch die Resilienz-Faktoren des Menschen geschwächt?

Es liegt in der Natur des Menschen Schmerz und Mangel begegnen und diese verarbeiten zu müssen. Das Leben beginnt mit dem „Trauma der Geburt“ (Otto Rank), das durch keine besänftigende Geburtstechnik vermieden werden kann und die Schmerzen hören auch danach nicht wieder auf. Die Tatsache von Schmerz und Mangel ist – wenn es gut geht – der Motor der menschlichen Entwicklung. Traumatisierend ist nicht das reale, äußere Ereignis an sich sondern die Tatsache einer nicht-gelingenden Integration und Verarbeitung eines (von außen oder auch von „innen“ kommenden) Ereignisses im „Psychischen Apparat“ (Sigmund Freud).

Die Inflation des Traumabegriffs hat Folgen auch auf die Arbeitsfelder von Sozialarbeitern, Lehrern und Therapeuten. Immer häufiger fragen Eltern wie Professionelle bei unserem Verein an: „Bieten Sie auch Traumatherapie an?“ Auf diese Frage können wir nur sehr differenziert antworten: Was kann „Traumatherapie“ sein angesichts sehr unterschiedlicher Traumata? Eine Traumatisierung aufgrund von Krieg und Folter muss anders behandelt werden als andere Traumata. Für uns ist es auch eine Frage, inwieweit Traumapädagogik und – Traumatherapie wissbar und lehrbar sind? Wissen dient immer auch der eigenen Angstabwehr. In der Arbeit mit traumatisierten Menschen braucht es aber auch oft Offenheit, Nicht-Wissen und ein Erdulden ohne allzu viel gezielt wirkende Interventionsmöglichkeiten. Allen unterschiedlichen Behandlungserfordernissen bei verschiedenen Formen von Traumata gemeinsam scheint uns die ausdauernde, nicht-enttäuschbare Arbeit mit Übertragung und Gegenübertragung. Denn traumatisierte Menschen sind nicht nur dankbar für unsere Hilfe und Therapie. Oft bringen sie uns Helfer in aussichtslose, ohnmächtig und perspektivlos machende und damit uns potentiell traumatisierende Situationen, sie verweigern und attackieren alle Angebote, lassen sie vielfach scheitern, bis sie aus allen sozialen Zusammenhängen herausfallen.

Das Nachdenken über diese Aspekte hat uns dazu gebracht, den etwas veraltet wirkenden und heute nur noch umgangssprachlich und nicht mehr professionell und/oder diagnostisch gebrauchten Begriff der „Verwahrlosung“, der zudem meist mit pejorativer Konnotation gehört wird, in den Tagungstitel mit aufzunehmen – und nicht seine modernen Umformungen „Dissozialität“, „Antisozialität“, „abweichendes“ oder gar „originelles Verhalten“. Über 90 Jahre nach dem Erscheinen von August Aichhorns Buch „Verwahrloste Jugend“ im Jahre 1925, das als Gründungstext der Psychoanalytischen Sozialarbeit gelten kann, scheint uns eine Rückbesinnung auf diese Tradition angezeigt.

Der Begriff „Trauma“ ist in der Psychoanalyse schon älter als der Verwahrlosungsbegriff. Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Trauma und Verwahrlosung? Gemeinsam ist beiden Konzepten der Aspekt der Wiederholung, die bei Trauma wie Verwahrlosung oftmals in ein Agieren und in einen äußeren, intersubjektiven
Konflikt, und nicht in einen inneren, neurotischen Konflikt mündet. Unter anderem deshalb hat August Aichhorn davon gesprochen, dass Verwahrlosung nicht durch Psychoanalyse zu behandeln ist, sondern in erster Linie durch Nacherziehung mit psychoanalytischem Verständnis. Also nicht nur durch Sprechen und Hören, sondern durch Erleben und neue Erfahrungen. Erst wenn die Verwahrlosung bewältigt ist, macht nach Aichhorn die psychoanalytische Therapie einen Sinn.

Traumatisierte Menschen werden tendenziell eher als Opfer wahrgenommen. Wenn sie aber auch zu Tätern werden, wie reagiert dann die Gesellschaft darauf? Sind die Traumatisierten die guten Opfer und die Verwahrlosten die bösen Täter? Die Wiederholung und Umkehrung des passiv erlittenen Überwältigt-Werdens und Hilflos-Seins in aktives Zufügen – gegen sich selbst und/oder den Anderen – ist ein zentraler Mechanismus des Menschlichen. Auch bei den Helfern, und sogar bei den Institutionen der sozialen Hilfesysteme. Hilflosigkeit ist schwer erträglich und muss deshalb abgewehrt werden.

Wie immer haben wir uns bei der Auswahl des Tagungsthemas durch die Fragen und Anforderungen aus unserer täglichen Praxis leiten lassen. Unter unseren Klienten sind viele traumatisierte Menschen. Und auch verwahrloste, je nachdem, wie man den Begriff versteht.

Es begegnen uns in unserer Arbeit einerseits Fälle manifester Verwahrlosung im Sinne sozial randständiger Familien mit oft generationsübergreifend wirksamer Armut, Gewalt, manifestem Missbrauch, Vernachlässigung, Beziehungs- und Bindungsstörungen.

Immer häufiger begegnen uns andererseits auch junge Menschen und Familien, bei denen uns das Wort „Wohlstandsverwahrlosung“ einfällt: bei nie in Frage stehender materieller Versorgung mit Wohnung, Kleidung, Essen, Internet und Handy geht das Bewusstsein darüber verloren, daß diese Dinge Produkte menschlicher Arbeit sind. Man hält den Gedanken für abwegig, es könnte an etwas fehlen, und man könnte genötigt sein, außer passivem Warten oder aktivem Einfordern etwas für die Erscheinung dieser Dinge zu tun. Oft gibt es kein rekonstruierbares Trauma, kein subjektives Leiden und folglich auch kein Begehren. Daraus resultiert fehlende Therapie- oder Veränderungsbereitschaft im Sinne von Schmerz- und Anstrengungs-Toleranz. Es bleibt nur der Anspruch, dass die Dinge jederzeit da zu sein haben, der mit aktiver oder passiver Gewalt durchgesetzt wird. Jede Arbeit, jede Beziehung und jede Anforderung des Denkens und Spürens/Erlebens wird gemieden. Bewirkt hier der Mangel an Mangelerfahrung und die omnipräsente Verfügbarkeit (realer und virtueller) Objekte eine Verwahrlosung und Traumatisierung im Sinne eines Vermeidens von potentiell schmerzhaften Beziehungserfahrungen?

Welche Formen der Traumatisierung und der Verwahrlosung können mit psychoanalytischer Therapie, welche müssen mit Sozialarbeit und Pädagogik behandelt werden?
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Die Zertifizierung der Tagung wird bei der Landes-Psychotherapeutenkammer Baden-Württemberg beantragt